Freunde

Ich träume, dass ich dem Ball in die Ecke des Tores nachfliege, um ihn rauszufischen, und weiß im Aufwachen, dass ich das nicht mehr kann, weil ich alt und unbeweglich geworden bin. Hilde hat ihren Kopf angelehnt, wir liegen auf einem breiten Bett in unserem Waldarpartment, dem Wohnmobil von Dirk und Sabrina, das sie uns zum Wohnen zur Verfügung gestellt haben. Mit Dusche, Toilette und eben diesem großen Bett, dem Wohnraum zum Sitzen und der Heizung gegen die morgendliche Kälte, der angenehmen Stehhöhe. Kochen brauche ich nicht, sie haben mich, uns eingeladen, und umsorgen uns sehr rücksichtsvoll, unaufdringlich, aber  liebevoll fürsorglich. Gerade eben kommt Dirk und bringt mir die Thermoskanne voll Kaffee, nimmt Hilde zum Morgenspaziergang mit, der kurz ausfällt, weil sie natürlich dann auch schnell gucken muss, wo der Papa ist.

Ich denke viel. Oft überlege ich, ob andere ältere Menschen auch so über ihr Leben nachdenken. An diejenigen sich erinnern, denen sie auf dem Lebensweg begegnet sind. Sich für die eigenen Fehler schämen und versuchen, eine Art inneren Frieden mit sich selber zu machen, weil die Verletzungen nicht zurückgeholt werden können, wie Nachrichten in den sozialen Netzwerken. Wollen Sie den Chat auch beim Gegenüber löschen, leider geht das nicht im wirklichen Leben, weil es das Gegenüber nicht mehr gibt, oder der Kontakt abgebrochen ist. Ich spreche dann auf den Fahrten mit Gott, vielleicht nennt man diese Form beten, für mich ist er der Gegenüber, der mich, uns kennt, und der das Wunder der Vergebung in unsere Herzen geben kann.

Ob andere Menschen auch so über ihr Leben denken, wenn sie soviel Zeit haben wie ich. Mir fällt auf, dass ich mein ganzes Leben lang auf nichts wirklich vorbereitet war. Das Leben eigentlich ein ständig lernender Prozess ist, in dem ich nicht immer auf der Höhe der Ereignisse war, bin, und deshalb auch die Fehlerquote unterschiedlich hoch ausfällt. Ich weiß noch, dass es Elternbücher gab, als wir eine Familie wurden. Tipps von anderen Menschen, von Studierten und von vorher tätigen Eltern. Alleine es fehlte uns die Basis zur Umsetzung, weil wir eigene, schwierige Geschichten  unterschiedlich bewältigt hatten. Oder auch nicht. Weil wir die eigene Ehe kaum in trockene Tücher bekommen haben, wie sollte das als Eltern funktionieren. Letztendlich sind wir auf den verschiedenen Schausplätzen unseres Lebens mehr oder weniger gescheitert. Vielleicht war ich sogar die besseren Eltern als alleinerziehender Vater, weil ich einen Schauplatz weniger hatte, auf dem ich das Leben ausfechten musste.

Zumindest ist das Verhältnis zu meinen Kindern gut geblieben, freundschaftlich geworden, vertraut miteinander gewachsen. Vielleicht weil ich lernen konnte, wie ich die Dinge besser machen kann, weil wir uns auf einer Ebene begegnen konnten, auf der jeder sein Gesicht wahren durfte, wir einander vergeben haben. Bei so manchen Verhaltensweisen von mir, schütteln die Leute den Kopf, höre ich die Kinder sagen, ach Papa, aber ich weiß, dass es dafür einen Grund gibt, den ich für mich gelernt habe.

Die Schule des Lebens, in jeder Phase gibt es eine Form von Lehrern, von denen es sich lohnt, dass eine oder andere mitzunehmen, gerade heute noch, weil es wieder eine Zeit ist, die kommt, auf die ich nicht vorbereitet bin. Natürlich ist Freiwilligkeit keine Grundlage für ein gesellschaftliches System, das funktionieren kann, so vermute ich. Und „Summerhill“ als Schulform der Sechziger, Siebziger, ist klassisch gescheitert, was vielleicht nicht an der Idee gelegen hat, sondern an der Umsetzung. Jeder, der von sich überzeugt ist, dass sein Konzept fehlerfrei ist, sich aber nicht selbst kritisch hinterfragen und korrigieren lässt, ist vermutlich zum Scheitern verurteilt.

Heute tendieren so manche Familien dazu, ihre Kinder gerade auf Reisen selber zu lehren. Ein schwieriges Unterfangen, nicht hoffnungslos, aber auch eins, bei dem wir Menschen erkennen müssen, dass wir nicht die perfekten Pädagogen sind, weil wir das bisherige System so nicht akzeptieren wollen. Ich habe eine reisende Künstlerfamilie aus Hessen getroffen, deren Tochter eine externe Lehrerin hatte, mit der sie einmal in der Woche online Schulunterricht gemacht hat. Die Eltern waren Begleiter auf dem Weg, Unterstützung für Tochter und Lehrerin, die schulischen Leistungen, Stärken und Schwächen, konnte das Kind aber nur mit der Lehrerin im Einszueinsverhältnis besprechen. Alle schienen mit diesem, durch das Land Hessen geförderten, System zufrieden zu sein.

Ob andere Menschen auch so denken, habe ich mir beim Aufwachen überlegt. Man spricht ja nicht so darüber. Also übers Leben und wie man das so hinbekommen kann. Deswegen höre ich genau hin, wenn ich Menschen treffe, wie jetzt Dirk und Sabrina, oder Wolfgang und Christa, ihre Freunde, die gestern hier waren. Wir erzählen viel, und jeder hat ein langes Leben hinter sich, es gibt immer wieder ein Aha – Erlebnis, etwas das ich mitnehmen kann, um es für mich selber weiterzudenken, daraus zu lernen, im Rahmen meiner eigenen Möglichkeiten, meiner Strukturen.

Und um das klarzustellen, das Alter meines Gegenübers ist nicht entscheidend. Ich kann auch von einem Kind lernen, sogar von einem Hund, einer Katze, jeder kann sich in mein Leben positiv einbringen, wenn ich das zulassen kann. Dirk lebt hier in diesem großen, alten Holzhaus mitten im Wald zeit seines Lebens, seine Großeltern hatten  eine ausgedehnte Landwirtschaft, seine Mutter ist fast bis an ihr Lebensende hier gewesen. Dirk ist sozusagen durch mehrere Generationen gegangen und trotzdem geblieben, hat aber auch viel von der Welt gesehen, über die Arbeit, seine Reisen. Immer mit dem Wissen, zurückkommen zu können.

Sabrina ist später dazu gekommen, sie kennen sich viele Jahre, aber hier leben, dass sich wie ein Traum für sie anfühlt, dass sei noch gar nicht solange her. Wie das Wohnmobil, das sie sich angeschafft haben. Unabhängig mit ihren Hunden reisen, aber jederzeit in ihren Wald zurückkehren zu können.

Wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie am Ende des Feldweges wohnen würden, wäre ich den holprigen, gewundenen Weg nicht hochgefahren. Besonders in den felsigen Passagen, wo die Höhenunterschiede gefährlich nah dem Unterboden gekommen sind. Hinter der nächsten Kurve stehen parkende Autos, wartet Sabrina winkend auf uns, obwohl ich mich nicht angemeldet habe. Das Internet, er kann uns doch sonst gar nicht erreichen, wenn wir im Haus bleiben.

Mein Sohn schimpft, dass es so eine schlechte Verbindung gibt, er muss dringend was fragen. Der Peter will das Treffen am Samstag besprechen, das geht nur über Lautsprecher mit dem Handy auf dem Tisch, beim gemeinsamen Abendessen. Sobald ich das Telefon anfasse, ist die Verbindung weg.

Strom gibt es, kein fließend Wasser, aber eine selbstgebaute Kläranlage. Unser Wohnmobil – Apartment, das mir die Beiden zur Verfügung stellen, ist also der pure Luxus. Dazu Sabrina’s Kochkünste, Dirk’s Gelassenheit, seine Unterstützung mit Hilde auf den holprigen Wegen, sodass ich mit ihnen lange spazieren kann, weil ich nur für mich sorgen muss. Sie bringen mir Sachen vom Einkaufen mit, abends sitzen wir fast bis Mitternacht zwischen Feuerschale und Grill, unterm Sternenhimmel, in dem kleinen Rund, dass die hochaufragenden Bäume übrig lassen.

Sabrina liest meine Geschichten, erzählt Dirk davon, sowie Christa das mit Wolfgang macht, die ich vor zwei Jahren persönlich kennengelernt habe. Sie sind lange schon Freunde, wenn ich es richtig verstanden habe, über ihr Engagement im Tierschutz. Wolfgang hat hier im Wald, im Tal, Forellenseen mit einem Freund zusammen, eine andere Verbindung. Dirk ist einer der hegenden Jäger, der für diesen Waldbereich zuständig ist.

Sie empfangen uns wie Freunde, die wir ja letztlich auch sind. Meine Kategorien sind einfach, es gibt Menschen und Freunde. Bekannte, von denen viele Menschen sprechen, ist ein Ausdruck, den ich nicht mit Leben füllen kann. Weil ich nicht weiß, wo die sich in meinem Leben einordnen könnten. Flüchtige Bekannte ist noch eine für mich unbegreiflichere Kategorisierung.

Menschen ist einfach. Wie Freunde, auch wenn es da Unterschiede für mich gibt. Es gibt langjährige Freundschaften und ganz frische, enge Freunde und persönliche, virtuelle Freunde, und welche, die sehe ich vielleicht nur alle zehn Jahre, manchen werde ich nicht mehr in diesem Leben begegnen. Es gibt auch verstorbene Freunde und Freunde, die den Kontakt abbrechen, weil es für sie Gründe gibt. In meinen Gedanken aber bleiben sie Freunde, zu denen kein Kontakt mehr besteht. Menschen können zu Freunden werden, aber Freunde nicht zu Menschen. Weil es eben diese zwischenmenschliche Beziehung gibt oder gab, die vorhanden bleibt. Auch wenn das Leben geht, auf welche Art auch immer. Verbindungen im Herzen reißen selten, selbst wenn ich den Namen vergessen habe, vielleicht nur ein Gesicht geblieben ist, und das auch noch jung ist, wie es früher eben so war, als sich unsere Wege gekreuzt haben.

Manchmal überlege ich, ob sich dieser Freund, jene Geliebte, auch noch an mich erinnert. Ob ich nur solche Gedanken habe. Und wenn ja, warum. Irgendwann habe ich Anita getroffen, die ich von früher kenne, eine gute Freundin meiner Exfrau, zu der ich selber keinen Kontakt mehr habe, seit der Trennung 1998. Margot habe ihr erzählt, dass ich auf Reisen bin, unter den „Spaziergängen mit Hilde“ meine Geschichten erzähle. Das hat mich erstaunt. Also geht es anderen Menschen auch so, dass sie nicht einfach nur vergessen wollen, was sie mal gehasst haben, sondern dass sich die Erinnerungen mischen mit dem eigenen Leben.

Wir spazieren im Sonnenschein durch den Wald, die Vögel zwitschern, Rehe und Wildschweine im Unterholz, Hilde schnüffelt in den Wind. Die alten Hühnerställe an den Wiesen legen ihr Inneres frei, so wie wir Menschen im Laufe des Lebens.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: