Bleiben?!

Ob ich nicht Lust habe, ein bisschen zu bleiben. Die Familie oben mit den beiden Campern steht schon seit Monaten hier. Der 84jährige Jan aus Holland ist immer mal da und wieder weg, und der Wuppertaler mit seinem Hund kommt nicht weg, so schön ist die Sonne, wenn sie scheint. Und das tut sie wohl den ganzen Winter schon, die Guardia kommt ab und an vorbei, es gibt Tische und Bänke mit Blick aufs Meer. Oben steht noch eine weitere Familie, direkt oberhalb von uns, die am Besten sehen, wo sich Hilde rumtreibt, wenn ich sie rufe.

Und vorne auf unserer unteren Ebene stehen Lars, Linh und Chitcho mit ihrem Sprinter aus Berlin. Dazwischen und überall, wo Platz ist, die Meeresangler, die Tagestouristen, die die ne Runde surfen, oder ihre gut verpackten Mittagspausenleckereien verzehren wollen. Manchmal auch die mit dem Sonnenuntergang und dem Strandlauf. Barfuß ist sehr angenehm, das sehe ich ihnen an, und weiß selber, wie schwer die festen Wanderschuhe im Sand wegrutschen.

Aber überhaupt spazieren zu können, dreimal am Tag bestimmt eine Stunde lang. Da nehme ich in Kauf, dass ich viele Schritte ein halbes Mal mehr gehe. Da, wo der Sand fest ist, weil die Wellen in der Nacht so hoch getrieben werden, und es mich auch heute morgen erwischt hat, ist das Gehen leichter.

Zwei, drei Tage könnte ich schon bleiben. Es braucht seine Zeit, die Geschichten aufzuarbeiten, überhaupt hätte ich Stoff für tausend Träume. Oder so ähnlich hat es mal der alte Simmel formuliert. Lesen könnte ich  beispielsweise ganz gut und viel. Finde beim Aufräumen ein kleines Buch von Laurie Lee über Wanderungen in Andalusien mit dem Titel „Eine Rose für den Winter“. Das lege ich mir hin, wenn ich die alten Südseeseglergeschichten von Wilfried Erdmann beendet habe. Ich dachte, bei soviel wildem Meer klingt Südsee fast poetisch.

Der Lars hat vor einem Jahr ein Video über uns gedreht, dass du bestimmt gesehen hast. Oder jetzt schauen kannst.

Ich sei eine coole Socke, meint der Lars im Intro, was ja vergleichsweise mit anderen Komplimenten, die einem so begegnen, sehr beschwingend wirkt. Die Reaktionen auf das Video waren durchweg positiv, aber dennoch kommt immer mal die Frage, wie denn so einer wie ich lebt. Also in meinem Alter, auf der Straße, mit einer Hilde, im blauen Bus.

Zeig doch mal. Die Idee nehmen wir auf, da könnte ein zweites Video entstehen, vom Aufwachen über den Pausentee zum Zähne putzen oder so. Also bleib ich ein bisschen. Und schau mich um. Gibt viele Wellen. Und eine Art Quelle fürs Geschirrspülen, die aus den Sträuchern auftaucht, zehn Meter weiter im Sand versiegt. Laut Karte aber ein Bach ist, der ins Meer münden soll, fünf Kilometer im Landesinnern entspringt. Da hockt der Lars, während der Chitcho in der Sonne sein weißes Fell endlich mal bräunen will. So wie Hilde.

Oder ein Canyon in die andere Richtung den Strand runter, mit tollen Felsformationen, wunderschönen Pflanzen. Überhaupt. Die Federn und kleine Holzstücke, was alles so blüht und grünt, und Muscheln, wie hoch oben sie am Strand liegen. Weißer als der Sand sind, weißer als der Persilriese, überhaupt wie die Unschuld. So weiß und so still. Von so weit her. Und dann doch so nah. So berührend.

Sonnenuntergang und die Hilde, die immer weiß, wann sie fürs Fotografieren stehen bleiben muss. Das klappt besser, als das Kommen, wo es so viel gibt, was man – also Hund – im Sand ausbuddeln kann. Ständig am Knabbern, und dann dieser gelangweilte Seitenblick, was ich denn will. Da müssen wir manchmal ganz ernst miteinander reden, also Auge in Auge. Die Bilder kommen so wie der Tag geht, sozusagen, ein köstliches Mehrgängemenü.

Und ja, ich bin vollbeschäftigt, manchmal finde ich ein Gespräch mit jemandem, der kommt und wieder fährt. Wie die Melanie aus Holland in ihrem Minicamper, der es hier zu voll war. Oder die beiden Brüder aus Göttingen gestern Nacht, die es eilig haben, aber noch ganz viel sehen wollen. Oder Tobi aus der Fabrik oben am Berg, der mit seinem Team überm Meer ein Meeting hat.

Und ja, Zeit für Käse essen und mit Hilde kuscheln.

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