Im tiefsten Winter

Die Städte schlafen nicht. Wie das Meer. Aber das ist dunkel in der Nacht, während die Lichter auf dem Land nicht verlöschen, dich erinnern an das Leben, auch wenn die Menschen noch schlafen. Auf dem Meer gibt es nur wenige helle Flecken. Schiffe sind immer weit weg am Horizont, und Sterne heben sich hoch hinaus, bilden geometrische Formen zusammen, aus denen ich manchmal eine Geschwindigkeit erahnen kann.

Das Meer ist kraftvoll, obwohl der Wind am Morgen nur mäßig weht. Aber laut genug ist, dass fünf Minuten Motor um sechs Uhr in der Früh nicht auffallen. Kaffeewasser kochen, mal kurz die Standheizung befeuern, einen Moment Energie in Licht und Wärme umwandeln. Mir ist nicht mehr so kalt morgens, Sandra hat mir vor ihrer Abreise zweimal einen Topf voll Suppe gekocht, dass ich abends heiß essen konnte. Vielleicht besteht ein kausale Zusammenhang, möglicherweise habe ich mich auch nur an das Wetter gewöhnt. Kalter Wind, Sonnenschein, fliegende Wolken, Palmwedel.

Natürlich könnte ich versuchen, meine Probleme zu beseitigen. Gaskocher kaufen, Batterie reparieren, wieder in großen Geschäften einkaufen gehen, ein neues Handy besorgen, um die fehlenden Apps zu laden. Sicherlich. Das könnte ich. Ich frage mich dann allerdings, ob ich mir dadurch nicht andere Möglichkeiten entgehen lasse. Die vielleicht unkonventionell sind, auch damit zu tun haben, jemanden um einen Gefallen zu bitten, besonderen Begegnungen die Tür zu öffnen.

Ich weiß noch, damals vor vierzig Jahren, als ich müde geworden bin, durch Europa zu trampen, immer die gleichen Geschichten zu erzählen, damals habe ich angefangen, Deutschland zu durchwandern. An Türen zu klopfen und um Wasser zu bitten, eine Scheibe Brot. Tatsächlich habe ich das einmal bekommen. Ein Glas Wasser und ein trockenes Brötchen. Durch die Öffnung der Tür geschoben, die eine starke Kette festgehalten hat.

Sonst waren es immer Einladungen ins Haus, an den Tisch, zu einer heißen Mahlzeit, einem offenen Gespräch, zu freundlichen warmherzigen Menschen, nahe an den glühenden Ofen im nasskalten, stürmischen Herbst. Von den vielen Begegnungen in den drei Jahren, die ich unterwegs war, sind mir diese Einladungen tatsächlich immer noch präsent vor Augen, ich fühle noch die Wärme, das Lachen in den Augen der Menschen, dem Moment, als sie mir den Stuhl zurückschieben vom Tisch, damit ich mich setzen kann. Mir einen Teller Suppe reichen, ich für den einen Moment mitten in ihrem Leben bin.

Über dem Meer zieht ein schmaler Streifen Orange die Wolken ein Stück den Himmel aufwärts. Dicht überm Land ist es noch dunkel, die Guardia Civil fährt mit Blaulicht die Reihe der Camper entlang. Ein eiliger Mensch dunkelt am Bus vorbei, die Kapuze ums Gesicht, dem Wind entgegen. Vor mir teilt sich das Meer, und ich denke unwillkürlich an Mose und die Israeliten, auch wenn ich nur den dicken Stamm der Palme vor meinen Augen habe. Um sie herum dem Wandern des Morgenlichts folge, ihre Wedel immer in Bewegung, wenngleich jetzt nur in einem leichten Schaukeln.

Gestern kommt eine alte Frau vorbei, am Rad zwei Eimer rechts und links der Haltegriffe, auf dem Gepäckträger ein Karton. Mittags ist es voller Obst und Gemüse, aber am Abend, am Ende ihres langen Weges hat sie vieles verkauft. Ein bisschen Deutsch, Worte in Englisch und Französisch, für jede Situation hat sie genug aufgeschnappt. Laut ist ihre Stimme, sie lacht, auch wenn ich nichts kaufen kann. Am Meer liegen Äpfel, ich bin erstaunt, dass jemand sie wegwirft, obwohl sie unversehrt ausschauen. Eine offene Tüte im Sand, zwei Becher mit Flüssigkeiten, eine Frau ruft ihren Hund weg, als läge dort eine Bombe. Das vermitteln uns heute solche Anblicke. Gefährlich. Achtung aufpassen, ob da nicht jemand was Böses will. Ich nehme mich nicht aus, gehe nicht hin, mach einen Bogen.

Aber ich denke noch nach. Was es mit mir macht. Und warum. Habe wieder einen Eimer Wäsche gewaschen, das Bettlaken, zwei T-Shirts, das Handtuch vom Spülen zum Abtrocknen. Immer nur die Sachen, die dringend sind. Brauche heute Sonne, um sie an den Fenstern zu trocknen. Der Wind wäre geeignet, die Palme auch, aber die Gesetze sagen, kein Campingverhalten erlaubt. Beim Spaziergang Alina begegnet, die Psychologie studiert, und mit ihrer Familie durch Spanien reist. Noch eine Berliner Familie. Sie leben vegan und würden mir Joghurt und Kefir abnehmen. Einer meiner Irrtümer im Bioladen, selbst Hilde kann ich nicht überzeugen, dass das schmackhaft ist, obwohl die sonst jeden Becher auslöffelt. Aber wenn ich es verschenken kann. Einen Becher habe ich schon als Smoothie verarbeitet, da werde ich tapfer sein müssen. Doch nicht verrückt. Immerhin habe ich schon zwei Packungen veganen Käse gegessen.

Ohne Lichter wirken die Städte wie eine dunkle Masse Fels, die auf dem Wasser liegt. Und zum Inland hin ist es fast umgedreht, da  wächst der Stein übers Gras vor meinen Augen hinaus, dahinter die Ausläufer erster Berge, die sich bis zur Sierra Nevada hochziehen. Wolken im Südwesten, der Wind aus  Nordost, zum dritten Mal ein Polizeifahrzeug, und für einen Moment habe ich die Sonne gesehen, zumindest Teile von ihr, die nicht von Wolken verdeckt sind.

Gestern morgen war das ganz anders, davon habe ich schon erzählt, aber heute gibt es die Bilder von beiden Tagen. Und auch von dem Moment gerade, wo sie zwischen den Wolken eine Lücke für sich entdeckt, ihr Licht bis vor meine Haustür legt. Hilde hat sich nochmal unter die Bettdecke gerollt. Wenn der Papa noch nicht gehen will, sondern immer nur schreiben möchte, obwohl es schon halb neun ist. Tatsächlich bin ich schon solange wach, dass ich Hunger habe, vielleicht ein Stück Käse brauche, um den Magen zu beschäftigen. Zum Spaziergang das vegane Essen mitnehme, Alina’s Familie dürfte schon wach sein. Vielleicht treffen wir auch Svenja und ihre Hündin an, die Hilde immer zum Spielen auffordert. Sie lebt und arbeitet unterwegs, was eine wirklich gute Kombination in diesen Zeiten ist, um der Konfrontation schwieriger Konstellationen aus dem Weg zu gehen. Rentner haben es da allemal leichter.

Vogelflug überm Meer, die Spatzen picken um den Bus herum, ein Entenvogel gründelt auf den Wellen nahe am Ufer. Die Sonne wieder in den Wolken, ihr Licht noch auf dem Wasser. Bandagen über die Knie, Maske übers Gesicht, Herz und Verstand offen bleiben lassen. Und dann ist der Tag da, die Wolken weg, blau und weit kann ich wieder schauen. Über den Horizont hinweg und hinter die Berge. In meine Seele und in mein Herz. Fast muss ich ein bisschen lachen über mich, dass mir das Dunkel so nahe kommen konnte. Dylan im Radio, Müsli auf dem Tisch, und Albert Camus.

„Im tiefsten Winter lernte ich schließlich, dass es in mir einen unbezwingbaren Sommer gab (gibt).“

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