Blacky

Der erste richtig kalte Morgen. Noch um sieben Uhr hat es vier Grad, ich ziehe mich an, setze das Wasser auf für die erste Tasse Kaffee. Der Fels in meinem Blick schält sich aus der Nacht, die Sonne geht zwischen den Tannen auf, die unseren Stellplatz auf einer Seite umfassen. Für Flugzeuge scheint die Route über den Berg besonders interessant zu sein, noch während der Himmel zwischen dunkel und hell noch aufklart, erscheinen viele leuchtende Streifen dort oben wie Pinselstriche, die den Aufgang des neuen Tages begrüßen wollen.

Ich nehme ein Stück Käse aus dem Kühlschrank, den mit dem typischen Cantal – Geschmack, um ein bisschen zu naschen. Gestern lag eine Epicerie in einem kleinen Dorf genau an unserem Weg, mit einem Parkplatz im Halbschatten. Ich konnte fast alles bekommen, was wir brauchen, und bin sehr glücklich darüber, wie reich uns Gott beschenkt.

Am frühen Nachmittag sind wir nochmal nach Vaison – la – Romaine gefahren, um uns sozusagen vom Süden der Provence zu verabschieden. Das Wasser in Saint Paul hat nicht gut geschmeckt, vermutlich weil es so selten benutzt wird. In Vaison ist es tatsächlich schmackhafter, wir treffen Jürgen und Heike aus der nördlichen Eifel, die nochmal in die Sonne tauchen wollen. Sie kaufen mir ein Buch ab, da hat sich der „Umweg“ erst recht gelohnt.

Und dann. Nun, es ist klar, dass wir jetzt auf dem Weg nach Deutschland sind. Noch ein bisschen in Schlangenlinien vielleicht fahren können, aber begrenzt durch Rhone und Berge ist der Weg schon eindeutig. Die Temperaturen kommen nicht mehr über zwanzig Grad, die Farben des Herbstes in Rot und Gold stellen sich mit dem Blau des Himmels gut, das Grün bietet alle Schattierungen auf, und die Sonne tut ihr übriges, um den Tag zu vollenden.

Nyons, Venterol, Russet – les – Vignes, Montbrison – sur – Lez, eine Kreuzung, eine Tankstelle, ein Stellplatz, Felder mit Wein, die obligatorischen Oliven, Lavendel. Roche – Saint – Secret – Béconne, die Kirche im Heckfenster des blauen Bus, während ich in der Epicerie freundlich bedient werde, Ziegenkäse, Ziegenmilch, ein Brioche, Wein aus der Region, und anderes.

Hintenherum durch Montieux, Vesc und Crupies kommen wir nach Bordeaux, wo der kleine Film entstanden ist. Nicht die Hauptroute nach Crest führt uns der Navi, sondern genau die Strecke, auf der wir am Stellplatz in
Saou vorbeischauen werden. Gerade so einen Blick hinter die Mauer werfen können, die Fahrzeuge sehen. Welch ein Wunder.

Abendspaziergang auf einem Wiesenstück hinterm Platz, umgeben von bewaldeten Hügeln, jaulen Hunde sich gegenseitig zu, halten sich noch lange wach. Und uns auch. Die Nacht kommt früh und zieht den kalten Vorhang über uns, den Berg habe ich noch lange im Blick, der halbe Mond ist hell, und grenzt ihn in seinen Konturen aus.

„Schließe die Augen und stelle dir vor: Die Zeit verrinnt. Die alte, verbrauchte Zeit löst sich auf. Und mit der alten Zeit lasse ich alles Vergangene los.“

(A. Grün)

Gestern vor 21 Jahren ist mein Hund Blacky geboren, mit dem ich eigentlich die Reise beginnen wollte, er wäre dann sehr alt gewesen, aber wir hätten noch so manchen Moment für uns anhalten können. Dazu ist es nicht gekommen, das hat mich lange sehr traurig gemacht. Mit 12 Jahren ist er gestorben, ganz plötzlich, in meinen Armen, nachdem er kurz vorher Leberkrebs bekommen hatte. Drei Jahre später, just einen Tag vor der Wiederholung seines Todes, kam Hilde in mein Leben. Und ich konnte langsam die Traurigkeit in ein Lächeln umwandeln lassen.

Wir waren schon unterwegs, ich habe viel Zeit alleine, in Stille, in Gedanken verbracht. Vergangenes aufgearbeitet, was ich nach wie vor noch tue. Um mich lösen zu können, in einer besonderen Weise frei zu werden. Da kam eines Nachts der Blacky zu mir im Traum, so gesund, so fröhlich, wie früher. Um sich zu verabschieden. Ich denke noch oft an ihn, muss auch immer wieder mal darüber weinen, glaube aber auch, dass ich über das wiederholte Erinnern, und das immer neue Loslassen, einen weiten Raum in mir gewinne. So erlebe ich das Vergangene im Heute als eine besondere Gnade für mein Leben. Im Glauben nennt man das Vergebung, was nichts mit Vergessen zu tun hat, sondern mit Befreiung.

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