Von Meeren und Bergen

„And a road is just a road and a feeling’s just a feeling
No matter where you go, from Bangor, Maine to Bakersfield
A road is just a road that the one you love is leaving on
And midnight’s another dawn, a hundred miles ago.“

Habe gerade die Wasserkanister aufgefüllt und schalte das Radio an, in dem eine CD liegt. Eine sanfte Frauenstimme singt die obigen Zeilen, die ich noch nie zuvor gehört habe. Was ja nicht stimmen kann, aber für einen Moment bin ich im luftleeren Raum, bis ich wieder den Boden unter den Füßen spüre. Ach ja, Mary Chapin Carpenter, und ich quere von Anglet nach Bayonne. Es ist Freitag Mittag, die Sonne ist nochmal richtig fleißig, und der Verkehr auf den vierspurigen Straßen läuft. Vom Kreisverkehr zum nächsten, wo es immer einen kleinen Stau gibt.

Bis wir auf dem Land sind, die Ortsnamen sich verändern. Viel r und s und y im Wort tragen. Schafskäse könnte ich am Wegesrand kaufen, Fromagerie de Brébis, aber noch fühle ich mich eilig, will nicht anhalten wollen. Überfahre auch einen Weinverkauf links zurückliegend, ob sie geschlossen haben über Mittag kann ich nicht beurteilen, Menschen sehe ich keine. Und überhaupt, für heute reicht es mit allem noch aus.

Es hat mich ziemliche Überwindung gekostet, mich dann doch von den Franzosen im Bus nebenan in Anglet zu verabschieden. Ja, sie versuchen ihr Leben als Freelancer zu gestalten, haben aber noch eine Wohnung in Paris. Sagt mir der Mann, mit dem ich mich in Englisch unterhalte. Warme, lange Hose, langärmeliges Sweatshirt, so eine Art Trainingsfreizeitkombi für kühle Herbsttage. Saisongerecht. Ist ja schon Mitte September und da kann man auch frieren. Seine lächelnde Frau ist leider nicht da, einen Smile für den Weg hätte ich gerne mitgenommen. Bin froh, dass ich T-Shirt und kurze Hose gewaschen habe, mir rinnt der Schweiß, und ich hoffe inständig, er deutet das nicht als Krankheit. Sie bleiben noch einen Monat unterwegs. Wann er sich so verändert hat, von einem lebenslustigen, jungen Mann zu diesem widerspenstig, in sich geschlossenen System, finde ich nicht heraus. Aber entweder ist dieses lächelnde Wesen an seiner Seite vom Gefühl beseelt gewesen, sie müsse ihn vorm Ertrinken in seiner Seele retten, oder das Leben hat ihnen sonst irgendwie böse mitgespielt.

Wie dem auch sei, jetzt bin ich im Vorland der Pyrenäen unterwegs und habe meine eigenen Sorgen. Ob ich nicht doch nach Spanien fahren sollte, mich auf alte Spuren begeben. Wäge ab und fühle mich nicht wohl, kann aber auch keine Entscheidung treffen, obwohl ich mir vorher doch im Klaren war. Oder zu sein schien. Oder so. Reisende sind auch nur Menschen. Sagt auch Mrs. Carpenter.

Und dann stehen wir am Ortseingang des Pilgerdorfes, wo jeder eine Aufgabe zu haben scheint. Die einen wollen sich auf den Weg machen, während die Erschöpften zurückkommen. Mindestens eine dritte Gruppe will nur Geschäfte machen, mit den Pilgern, dem Ort, und für sich selber. Ich fahre nur durch. In der Zwischenzeit stelle ich einfach ein mögliches Ziel auf Google Maps ein, schalte das Internet aus, und lass mich überraschen, was mir so am Wegesrand begegnet. Ist tatsächlich einfacher, als mit der Straßenkarte zu fahren. Und da ich meist unvorbereitet bin, lediglich eine Richtung im Kopf habe, kann ich vielem neu begegnen.

Saint Jean hat auch noch einen alten Teil, ein Dorf nebenan, dass dem Namen nach so klingt, als sei es vorher da gewesen. Vor dem Boom im Hafen. Von hier kommen mir Wanderer entgegen, die frisch und munter wirken, dass ich sie nicht in die Pilgerszene einordnen mag. Die mich anstarren, als sei ich unwirklich. Vielleicht ist man in der Gegend ja so auf Erscheinungen fixiert, dass jede Begegnung zu einem Wunder mutiert.

Hilde muss mal dringend, und ich dachte, eine schmale Seitenstraße durch die Felder sei nicht so verbarrikadiert. Aber dann kommen wir nach Bussunarits – Sarrasquette, wo der Dorfhund vor Erschöpfung beim ständigen Namennennen eingeschlafen ist, im Traum hochschnellt und Fliegen fängt. Ein Parkplatz am Ortsende, leere Tore auf Asphalt, wer sich hier nach dem Ball wirft, hat gute Chancen auf langsam heilende Wunden. Die anderen müssen dem Ball bergab nachrennen, denn für Netze war kein Geld mehr da.

Für langsame Spaziergänger gibt es viel zu sehen, wie die Zeit das Efeu wachsen lässt, und die Steine alt werden. Hilde ist sehr beschäftigt, mit dem Mais am Feldrand, den Kühen oben drüber, den Wasserlachen zwischendrin. In Ahaxe – Alciette – Bascassan, in der Route de Saint – Jean – le – Vieux, halte ich im Schatten einer weißen Mauer eines stillen Hauses, dessen Türen und Fenster geöffnet sind. Vor der Töpferei biegen die Kühe rechts ab, die alte Bäuerin, die den Viechern auf dem Rad folgt, und von der ich erst dachte, sie sei ein Mann,
wirft mir ein keckes Lächeln zu. Dann folgt grobe Schnitzerei, zwei Hunde schnüffeln frech am Rad des parkenden Bus, denen ich im Spiegel zuschaue, und wir kommen zum Aufstieg auf den Col d’Iraty.

Länge 17 Kilometer, durchschnittliche Steigung 5,63 %, Anfangshöhe 370 Meter, und bei Ankunft sind es dann 1327 Meter über dem Meeresspiegel. Detaillierte Auskünfte, die besonders Radfahrer demotivieren dürften, also die hier ihre Freizeit verbringen, und sonst nur zwischen Gelsenkirchen und Bottrop Grün unterwegs sind.

Für uns voll mit Kurven, hinter denen sich immer andere Geheimnisse verbergen, sodass ich die Bilder gar nicht in einem Text unterbringen kann. So endet der erste Teil auf etwa 640 Metern, an einem kleinen Parkplatz rechts der Straße, von dem aus wir die umliegenden, bewaldeten Hügel sehen, hinter denen sich höhere Berge verstecken. Im Tal verläuft der Uritchondoko Erreka, ein kleines Flüsschen, das später in den Gasnateguyko Erreka mündet, dem ich über weitere Zusammenflüsse dann laut Karte mindestens bis zur Minigolfanlage in Ascarat folgen kann.

Von dort sind wir hergekommen, über Bidarray mit der Bogenbrücke und dem alten Hotel. An Cambo – les – Bains vorbei, wo die Straßen voller baskischer Träume verlaufen. Bis zum Chambre d’Amour in Anglet, wo wir am Mittag abgefahren sind. Von dort habe ich noch ein Video mitgebracht, mit fließenden Bildern voller Meer und Sonne. Abschiednehmen und Wiederkommen wollen. Ich würde mich freuen, wenn es dir gefällt. Du darfst auch gerne ein Like hinterlassen, einen Kommentar, oder es teilen.

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